Jens Nerkamp über (s)ein Jahr, das anders läuft als geplant

Jens Nerkamp brauchen wir den Lesern dieses Blogs eigentlich nicht mehr vorzustellen. Bereits 2016 nahm er an den Europahalbmarathon-Meisterschaften in Amsterdam teil. Sein bislang größter Erfolg war der Sieg als schnellster deutscher Läufer beim Berlin Marathon 2019.

2020 hätte sein Jahr werden können! Sein Ziel war, die Norm für die EM im Halbmarathon in Paris und eventuell die Olympia-Norm für den Marathon in Tokio anzugreifen. Doch dann kam bekanntlich alles anders. Doch die erzwungene Wettkampf-Pause hatte auch ihre “Vorteile”.  Jens Nerkamp konnte eine bereits länger schwelende Verletzung in Ruhe auskurieren – Glück im Unglück gewissermaßen. 

Aber was bedeutet so eine Ausnahme-Situation für Athleten wie Jens Nerkamp wirklich? In einem Beitrag zum “Virtual worldwide EAM Kassel Marathon” schreibt Jens Nerkamp über (s)ein Jahr, das anders läuft als geplant. Wir fassen wichtige Aspekte des längeren Texts für die Leser unseres Blogs zusammen.

Nerkamp: “Das Leben eines Sportlers folgt häufig einem Entwicklungsplan …”

Natürlich spielen in so einer Situation auch finanzielle Aspekte eine Rolle. Entfallen die Wettkämpfe, fehlen wichtige Einnahmen aus Antritts- und Preisgeldern, die den Sport “refinanzieren”, wie Nerkamp sich ausdrückt. Aber das ist nicht der Hauptpunkt. Es geht vielmehr um längerfristige Perspektiven: “Das Leben eines Sportlers folgt häufig einem Entwicklungsplan, der mehrere Jahre einbezieht. Jemand, der sich für Olympia qualifizieren möchte, trifft diese Entscheidung meistens Jahre zuvor.” 

Wer all das nicht aus eigener Erfahrung kennt, macht sich leicht ein falsches Bild davon. Der Laie glaubt vielleicht, wenn sich Läufer wie Nerkamp auf ein Rennen vorbereiten, sei es ein Marathon, Halbmarathon, oder 10-Kilometer-Lauf, dann gehen die Athleten zuvor “ein bisschen zum Laufen” und das war’s. Aber so funktioniert ein professionelles Training natürlich nicht. Ein Training ist ein langfristiger, individuell abgestimmter Prozess, bei dem alles stimmen muss. Entscheidend, um die Ziele zu erreichen, sind dabei Wettkämpfe: “Wettkämpfe sind jedoch wichtig für die persönliche sportliche Weiterentwicklung und um das absolvierte Training in Leistungen umzuwandeln, die einen physisch und mental auf ein neues Niveau bringen. Diese Leistungen sind in Trainingsläufen selten auf dem höchsten Niveau abrufbar, da ein Wettkampf und die Konkurrenzsituation die Leistungsfähigkeit positiv steigert”, erläutert Nerkamp.

Nach der Verletzungspause kann Nerkamp mittlerweile wieder trainieren. Aber die Steuerung des Trainings wird durch die immer noch unsichere Situation enorm erschwert. Zwar gibt es vereinzelt wieder Bahnwettkämpfe und auch kleinere Straßenläufe. Aber “richtige” Marathons, die für die Weiterentwicklung so wichtig sind, wird es 2020 wohl nicht mehr geben. 

“Der DLV muss Wettkampfperspektiven schaffen …”

Und was bringt das nächste Jahr? Nerkamp: “Hier kommt es auf die transparente Arbeit von Regierungen, Verbänden und Veranstaltern an.” Insbesondere transparente und offene Kommunikation ist für Nerkamp wichtig. Ein Beispiel: Hieß es bei den Deutschen Leichtathletikmeisterschaften in diesem Jahr zunächst, dass es definitiv keine Mittel- und Langstreckenläufe ab 1500 m geben könne, fanden sie letztlich doch statt. Viele Läufer fühlten sich dadurch ausgegrenzt; sie monierten, dass mögliche Alternativen vom DLV nicht öffentlich, sondern nur im Hintergrund diskutiert wurden. 

Ein weiteres Beispiel sind die Deutschen Straßenlaufmeisterschaften: “Stand jetzt wird es im Jahr 2020 keine Meisterschaften über diese Strecken geben und es scheint als gäbe es hierfür auch keine Konzepte zumindest eine Meisterschaft z.B. im 10 km Straßenlauf durchzuführen”, erklärt Nerkamp. Das erweckt bei vielen Läufern den Eindruck, dass der DLV dem Straßenlauf keinen großen Wert beimisst, macht er deutlich. Dabei sind “die Teilnehmerfelder im Straßenlauf um ein Vielfaches größer sind als bei den meisten Bahnwettbewerben.” Wichtig ist den Athleten, dass man sie nicht einfach im Regen stehen lässt, sondern dass der Verband sich aktiv um alternative Möglichkeiten zumindest bemüht und es auch so nach außen kommuniziert. 

“Auch im Corona-Jahr 2020 sind viele Highlights möglich …”

Aber Jens Nerkamp hat auch positive Ausblicke: Zwar wird die Corona-Krise die Wettkampflandschaft entscheidend verändern, wie Nerkamp prognostiziert, aber man kann sie ebenso als Chance verstehen: “Wann hat man mal die Möglichkeit der Entschleunigung? So wichtig Wettkämpfe und konstantes Training auch sind, wir jagen in normalen Jahren häufig einem Wettkampf nach dem anderen hinterher oder trainieren viel zu obsessiv. Zurzeit kann man sich etwas mehr Zeit nehmen und etwas ausprobieren, mehr Wert auf die Regeneration legen oder an seinen Schwächen arbeiten. Das kann dazu führen, dass wir uns selbst überraschen und neue Bestleistungen erreichen.

Für mich ist diese Entschleunigung Gold wert, denn der Wiederaufbau meiner Ausdauer und generellen physischen Topform nimmt eine Menge Zeit in Anspruch. Darüber hinaus habe ich die Zeit genutzt, mich mehr auf mein privates Leben neben dem Sport zu konzentrieren. Auch im Corona-Jahr 2020 sind viele Highlights möglich. Das Leben läuft an uns vorbei und es liegt an uns, was wir daraus machen.”

Den vollständigen Text finden Sie bei Kassel Marathon.


Bildquellen:

  • Jens Nerkamp: Laufteam Kassel: ©striZh/ Fotolia.com & Laufteam Kassel