Sag mir, wie du sprichst und ich sag dir, wie du sparst

Journal — By on 15. April 2015 09:56

Studien scheinen eine erstaunliche Theorie zu belegen: Unsere Sprache bestimmt, ob wir zum Sparen neigen oder nicht. Entscheidend ist, wie nah oder fern uns die Zukunft durch die Sprache erscheint.

Engländer und Amerikaner haben am Sparen anscheinend weniger Freude als beispielsweise Deutsche oder Chinesen. Die einen verschulden sich gerne, die anderen vermeiden Schulden eher. Woran liegt das? Ist es die Tradition, die Erziehung, die Wirtschaftsstruktur?

Verzicht üben …

Nein, sagt der Yale-Ökonom Keith Chen, es liegt an der Sprache und an unseren Schwierigkeiten, auf einen Genuss in der Gegenwart zugunsten und einer größeren Belohnung in der Zukunft zu verzichten. An dem bekannten Marshmallow-Test mit Kinder lässt sich das gut illustrieren: Dabei setzt ein Versuchsleiter Kindern eine begehrte Süßigkeit vor. Er verlässt den Raum und verspricht ihnen die doppelte Menge des begehrten Objekts, wenn sie bis zu seiner Wiederkehr Verzicht üben. Je länger die Kinder warten müssen, desto größer ist natürlich die Versuchung.

Ich werde sparen …

Und was hat das mit unserer Sprache zu tun? Keith Chen unterscheidet dazu zwischen zwei verschiedenen Sprachtypen: Sprachen mit einer schwachen und Sprachen mit einem starken Futur. In schwachen oder gar “zukunftslosen” Sprachen heißt es: „Morgen regnet es“. In zukunftsbezogenen Sprachen dagegen: „It will rain tomorrow“ (Was wir im Deutschen mit „Morgen wird es regnen“ ausdrücken können, auch wenn diese Form eher unüblich ist.) Mit einfachen Worten: In zukunftsbezogenen Sprachen, erscheinen den Sprechern zukünftige Ereignisse entfernter, während die gleichen Ereignisse Sprechern in “zukunftslosen” Sprachen gegenwärtiger erscheinen.

Zu den sogenannten zukunftslosen Sprachen zählen Deutsch, Mandarin, Japanisch, Finnisch; Beispiele für zukunftsbezogene Sprachen sind Englisch, Griechisch, Französisch, Italienisch. Wem die Zukunft durch seine Sprache weit entfernt erscheint, der befriedigt ein Bedürfnis eher sofort – er greift gleich zum Marshmallow – anstatt auf eine in “ferner Zukunft liegende” größere Belohnung zu warten.

Zahlen aus 76 Nationen …

Es ist klar, dass so eine Theorie, umstritten ist. Doch die Daten sprechen für den Wissenschaftler und seinen Ansatz. Chen und sein Team haben Zahlen aus 76 Nationen untersucht. Sie zeigen, dass Personen, die eine “zukunftslosen Sprache” sprechen mit einer um 31% höheren Wahrscheinlichkeit Geld sparen als Personen, die eine zukunftsbezogene, bzw. zukunftsstarke Sprache sprechen.

Eine Stadt, zwei Sprachen und Spartypen …

Könnte es aber nicht dennoch sein, dass der Hauptgrund die kulturellen Unterschiede sind? Um das heraus zu finden, wurde die Geduld von Grundschülern untersucht. Das besondere an ihnen: Diese leben zwar in ein und derselben Stadt, sprechen aber dennoch verschiedene Sprachen: Sie leben in Meran und dort wird Deutsch und Italienisch in beinahe gleichen Anteilen gesprochen. Die Kinder sind daher ähnlichen kulturellen Einflüssen ausgesetzt, besuchen aber sprachlich getrennte Schulen. Ein Forscher spielte mit ihnen eine Variation des Marshmallow-Tests durch: Er ließ mehr als tausend Grundschulkinder wählen, ob sie lieber zwei Geschenke sofort oder jeweils drei, vier oder fünf Geschenke in einem Monat haben wollten. Das Ergebnis war eindeutig: In allen Schulstufen warteten deutschsprachige Kinder, die eine “zukunftslose Sprache” sprechen, deutlich häufiger als die Italienisch sprachigen Mitschüler.

 

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